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Netzer fordert Rausschmisse - Bosse sahen nur zu

Hauen und Stechen wird schärfer

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Christian Ziege (mi, neben Bierhoff und Wosz, re): "Logisch sind wir ein Scheißhaufen"

Eine Woche nach der Blamage von Rotterdam wird das Hauen und Stechen jeder gegen jeden im deutschen EM-Team immer schärfer. Ziege wettert gegen Matthäus, Babbel gegen Ribbeck, Kahn gegen die meisten Kollegen.

Christian Ziege weitete die Verantwortung für die größte Pleite der deutschen Fußball-Geschichte auf alle Beteiligten aus und stufte nicht nur die Mannschaft als Versager ein: "Logisch sind wir ein Scheißhaufen. Aber das ist nicht der einzige Punkt."

Höchstes Kulturgut aufs Spiel gesetzt"

Für Günter Netzer "ist das noch viel schlimmer, als ich es mir in meinen dunkelsten Träumen ausgemalt habe". Die Spieler hätten "das höchste Kulturgut ihres Landes, die Nationalmannschaft, leichtfertig aufs Spiel gesetzt", sagte der 37-malige Nationalspieler. Vor allem das Verhalten von Dietmar Hamann, Jens Jeremies und Markus Babbel prangerte Netzer an.

Wenn es stimme, was zuletzt aus dem Spielerkreis bekannt wurde, die Spritz- und Sauftour nach dem Rumänien-Spiel in Kölner Kneipen, sei dies die größte Respektlosigkeit. "Diese Spieler gehören nicht mehr in eine Auswahl-Mannschaft. Hinaus mit denen. Alle hinaus", forderte Netzer in der "Sportbild" harte Konsequenzen.

Obwohl der inzwischen zurückgetretene Erich Ribbeck vehement Missstände bestritt ("Die Mannschaft ist intakt"), lief beim dreimaligen Weltmeister in diesem Jahr offensichtlich alles falsch, was falsch laufen konnte. Eine schwache Mannschaft plus ein schwacher Trainer - das musste zum großen Knall führen. "Wir hätten so viel Zeit gehabt. Eine Woche auf Mallorca, eine Woche in Holland. Nichts wurde trainiert", kritisierte Ziege den Teamchef, auch die letzte Chance nicht genutzt zu haben.

Kahn: "Hätte besser den Spielern in den Arsch getreten"

"Es wäre nicht so gekommen, wenn ein Mann mit großer Reputation da draußen gesessen hätte. Oder besser: Wenn einer da draußen gesessen hätte, der den Spielern in den Arsch getreten hätte", machte auch Oliver Kahn die mangelnde Führungsstärke des Ex-Cheftrainers deutlich.

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DFB-Torwarttrainer Sepp Maier verriet in der Münchner "AZ", was zur Halbzeitpause des Portugal-Spiels in der deutschen Kabine ablief, in der Kahn das Wort ergriff: "Kämpft jetzt endlich, hat er gebrüllt, dann können wir wenigstens aufrecht nach Hause fahren", verriet der Weltmeister von 1974 und fügte geschockt an: "Ich habe in die Augen der Spieler geschaut, sie haben Kahn ausgelacht. So weit ist es mit dem deutschen Fußball schon gekommen."

Und was taten die DFB-Bosse?

Mit immer neuen Details über die wahre Lage im deutschen EM-Lager drängt sich immer mehr auch die Frage auf: Wieso hat von den Verantwortlichen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) niemand reagiert? DFB-Vizepräsident Gerhard Mayer-Vorfelder war als Delegationsleiter jede Minute hautnah am Team und den Trainern, ließ das Unternehmen aber bis zum gemeinsamen Abschluss-Umtrunk auf der Terrasse des Mannschafts-Hotels in die Katastrophe laufen. Franz Beckenbauer wusste spätestens während der Vorbereitung auf Mallorca, als er telefonisch von Lothar Matthäus über eine angedachte Revolte gegen Ribbeck informiert wurde, vom inneren Zustand der EM-Abordnung.

Netzer: "Sie sind reich, sie haben alles"

Laut Netzer fehlte es den deutschen EM-Spielern an innerer Bereitschaft: "Sie sind reich, sie haben alles. Aber es muss doch noch etwas anderes geben. Etwas, das man nicht kaufen kann: Ehre, Moral, innerer Antrieb." Doch der innere Antrieb bricht erst jetzt aus - zum Selbstschutz und zur viel zu späten Konflikt-Bewältigung. So kritisierte Ziege nun Matthäus, der schon lange in der Mannschaft umstritten war.

Ziege zum Thema "Charakterlosigkeit"

"Bevor ich die Schnauze zu irgendwas aufreiße, muss ich mir immer überlegen, ob ich persönlich immer alles richtig gemacht habe. Das hat er nicht", entgegnete Ziege dem Rekordnationalspieler, der die Kollegen, die nach dem EM-Aus bis in den frühen Morgen gefeiert und getrunken hätten, als "charakterlos" bezeichnet hatte.

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"Wenn er von Charakterlosigkeit spricht, fallen mir andere Charakterlosigkeiten ein. Die auf dem Platz", meinte der Mann aus Middlesbrough und verwies auf das Portugal-Spiel: "Wie kann es da sein, dass ein Libero vor dem 0:1 in erster Front angreift, quasi vor Carsten Jancker - und dann, als der Ball verloren ging, zu Fuß zurück geht in die Abwehr. Nicht im Sprint, nicht im Lauf, sondern zu Fuß."

Babbel: "Alles erstunken und erlogen"

Der Wahl-Engländer Ziege warf wie sein Kollege Babbel auch Ribbeck schwere Fehler vor: "Wie man gegen eine Viererkette spielt, haben wir das erste Mal vor dem England-Spiel trainiert. Das war eine Farce", kritisierte Ziege unter anderem. Babbel bestritt unterdessen seine Eskapaden: "Richtig ist, dass wir in einem Kölner Restaurant zu Abend gegessen haben. Der Rest ist erstunken und erlogen. Ich habe keinen Schluck Alkohol getrunken." Derweil hatte Weltrekordler Lothar Matthäus bestätigt, dass mehrere Nationalspieler, darunter Babbel, Hamann und Jeremies, ihn in Palma aufgefordert hätten, über DFB-Vizepräsident Beckenbauer den Sturz des Teamchefs zu forcieren. Ribbeck selbst will von der Revolte nichts mitbekommen haben - auch das ist bezeichnend.

Jens Mende und Gregor Derichs, dpa

Geändert am 27. Juni 2000 17:23 von to
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