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Tierschutzbund fordert Zivilcourage statt Lynchjustiz:Was tun gegen gefährliche Hunde?
Kiel/Hannover - Der sechsjährige Volkan hatte keine Chance. Die beiden Kampfhunde, die ihn am Montag in Hamburg-Wilhelmsburg anfielen, verletzten das Kind so schwer, dass er noch am Unglücksort starb. Die Bilder von dem schrecklichen Vorfall haben nun die Diskussion um Kampfhunde in Deutschland erneut angefacht. Dabei sind die Argumente längst bekannt: "Die Situation war beinahe klassisch", sagt Dorit Feddersen-Petersen, Verhaltensforscherin an der Universität Kiel. "Es war abzusehen, dass es eskalieren würde." Denn die Halter der Hunde hatten längst die Auflage bekommen, die Pitbull- und Staffordshire-Terrier anzuleinen und ihnen Maulkörbe anzulegen. Wesentlich strengere Kontrollen der Züchter und der Halter sind nach Ansicht vieler Experten daher der beste Weg, solch blutige Angriffe künftig zu verhindern. Ganz falsch wäre es nach Ansicht der Kieler Wissenschaftlerin, in Hysterie zu verfallen. "Ich habe bereits gehört, dass ein Hund gelyncht wurde", sagt die Verhaltensforscherin. "Und es haben etliche Hundehalter hier angerufen und berichtet, dass sie beschimpft oder sogar bespuckt werden." "Zivilcourage statt Lynchjustiz" fordert auch der Deutsche Tierschutzbund in Bonn. "Das ist etwas, das alle tun können: aufmerksam sein, ein Auge auf aggressive Hunde haben und dann gegebenenfalls die Polizei oder den Tierschutzbund verständigen", sagt der Sprecher der Organisation, Thomas Schröder. "Die örtlichen Tierschutzvereine sind ebenfalls Ansprechpartner und nehmen Hinweise auch anonym entgegen." Rassenfrage?Einzelne Rassen komplett zu verbieten, hält Dorit Feddersen-Petersen dagegen für den falschen Weg: "Richtig sozialisierte Hunde sind keine Gefährdung. Aggressive so genannte Kampfhunde sind erst dazu gemacht worden. Das ist aber keine Frage der Rasse." Auch Boxer oder Schäferhunde könnten durch gezielte Züchtung und "Erziehung" aggressiv werden. Normalerweise seien auch die ins Gerede gekommenen Rassen wie Bull Terrier, Pitbull Terrier oder American Staffordshire Terrier nicht gefährlich. Gefährliche ZuchtlinienAllerdings gibt es einzelne Zuchtlinien, bei denen gezielt jeweils die aggressivsten Tiere ausgewählt wurden, sagt Esther Schalke, Tierärztin an der Tierärztlichen Hochschule (TiHo) in Hannover. In diesen Fällen sei das Aggressionspotenzial kaum wegzubekommen. Häufig aber sind Verhaltensstörungen bei Hunden kein Schicksal. So wird an der TiHo seit rund einem Jahr eine Verhaltenstherapie für Hunde angeboten. Hundehalter, deren Tiere ungewöhnlich ängstlich oder aggressiv reagieren, können sich dort beraten lassen. Oft ist auch der Halter Schuld"Aggression ist eines der häufigsten Probleme", sagt Esther Schalke. Schuld sei meist der Halter. So sei es verhältnismäßig normal, wenn junge Rüden mit anderen Hunden kämpfen. Unterbindet der Besitzer das und hält sein Tier von anderen Hunden fern, könne das negative Folgen haben: "Der Hund wird frustriert und dann aggressiv." Während der Verhaltenstherapie muss er wieder langsam an andere Hunde herangeführt werden, bis das kein Problem mehr ist. Problematische "Modewellen"Ein grundlegendes Problem sei auch, dass sich viele Hundefreunde für das falsche Tier entscheiden. "Da gibt es richtige Modewellen", sagt die Tierärztin. "Lange waren Golden Retriever schick, jetzt gelten Border Collies als hipp." Seit dem Spielfilm "Ein Schweinchen namens Babe", in dem die Hunde zu sehen sind, seien sie auch in Familien gefragt, in die sie absolut nicht hinein passen: Border Collies sind "Workaholics" und müssen intensiv beschäftigt werden. "Hundeführerschein"Die klassischen Hütehunde würden in der Stadt dann auch mal Jogger und Inline-Skater verfolgen und unter Umständen mit leichten Bissen zum Halten bringen. Auch Pitbulls geraten oft an die falschen Halter: "Das sind oft Menschen, die gern Angst verbreiten würden", so Esther Schalke. "Sie sind gerade bei männlichen Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten gefragt." Damit Hunde künftig gar nicht erst in falsche Hände kommen, wäre ein "Hundeführerschein" hilfreich: "Der Hundebesitzer müsste erstmal seine Sachkunde unter Beweis stellen", so die Tierärztin. Das sieht auch Dorit Feddersen-Petersen so. Halter, die mit ihren Tieren nicht verantwortungsvoll umgehen, sollten zudem schärfer bestraft werden. Unter Umständen sollte ihnen die Hundehaltung verboten werden. Nicht auf die leichte Schulter nehmenHundebesitzer sollten außerdem grundsätzlich ein Auge auf ihr Tier haben, rät Thomas Schröder: "Wenn er einmal zugebissen hat, soll man das nicht auf die leichte Schulter nehmen." Viel sinnvoller sei es, beim Tierarzt, im Tierheim oder beim Tierschutzbund nachzufragen, woran das aggressive Verhalten liegen könne. "Es ist auf jeden Fall besser, zu früh als zu spät aktiv zu werden." Hilfe bieten auch "Hundeschulen", in denen Vierbeiner lernen, sich angemessen zu verhalten. "Da gibt es regelrechte Resozialisierungsmaßnahmen", sagt Schröder. Angebracht sei auch mehr Rücksichtnahme in der Öffentlichkeit: "Viele in der Bevölkerung fühlen sich von Hunden jetzt bedroht. Da ist es besser, die Tiere eher an die Leine zu nehmen, wenn jemand beunruhigt wirkt", rät der Tierschützer. Informationen: Deutscher Tierschutzbund, Baumschulallee 15, 53115 Bonn (Tel.: 0228/604960, Fax: 0228/6049940, Internet: www.tierschutzbund.de); Tierschutzzentrum der Tierärztlichen Hochschule Hannover (Tel.: 0511/9538147). |
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| Geändert am 27. Juni 2000 14:46 von aj | |||||||