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Fußball-WM - Historie: 1954

Weltsensation: Ungarn besiegt!

München - Der 4. Juli 1954 wird für immer einer der wichtigsten Tage in der Geschichte des deutschen Sports bleiben! Fast zur gleichen Stunde gab es zwei Weltsensationen: Im Berner Wankdorfstadion schlug der krasse Außenseiter Deutschland die für unbesiegbar gehaltenen Ungarn mit 3:2 und wurde Fußball-Weltmeister! In Reims ging nach 15 Jahren Abwesenheit zum ersten Mal seit 1939 wieder ein deutscher Formel-1-Rennwagen als Sieger durchs Ziel: Juan Manuel Fangio steuerte seinen Mercedes-Silberpfeil zum Sieg vor Hermann Kling!

Der Mercedes-Triumph aber ging nahezu unter. Deutschland lebte im Fußball-Taumel. Seit der 6:1-Sensation über Österreich im Halbfinale und dem völlig unerwarteten Einzug ins Endspiel gab es zwischen Flensburg und den Alpen nur noch ein Thema. Schulkinder und Greise diskutierten mit gleichem Fieber die bange Frage: Wie kann die Herberger-Truppe gegen den haushohen Favoriten aus Ungarn abschneiden - 14 Tage nach jenem blamablen 3:8 von Basel, als Herberger seine zweite Garnitur ins Feuer geschickt hatte. Nachher sprach alles vom "Geniestreich", von "Meisterstrategie", vom "Zauberkünstler". Tage vorher las man noch "In die Wüste schicken", "Ablösung", "Zeit ist abgelaufen" und ähnliches.

Auch im Finale hieß es schon nach sieben Minuten 0:2. Puskas und Sekunden später Czibor schienen ein neues Debakel für die deutsche Elf einzuleiten. Seit Mai 1950 waren die Ungarn in 32 Länderspielen ungeschlagen - eine neue "Wundermannschaft" war entstanden.

Rahn traf zum 3:2

Olympiasieger 1952, erster Sieg über die zu Hause bis dahin unüberwindlichen Engländer mit jenem legendären 6:3 vom 25. November 1953, im Mai 1954 sogar ein 7:1-Sieg über den gleichen Gegner in Budapest - nicht Titelverteidiger Uruguay oder die 1950 zu Hause in Rio de Janeiro knapp geschlagenen Brasilianer waren Favorit für 1954. Major Ferenc Puskas, sein Halbstürmer-Kollege Kocsis, der Ballkünstler Czibor hatten gemeinsam mit Verbandskapitän Gustav Sebes und Trainer Mandi in vier Jahren ein Team geformt, das einen Fußball ganz neuer Prägung spielte, zweckmäßig und doch schön, Abwechslung zwischen Genie und eiskaltem Kalkül. 2:0 für Ungarn stand es also nach sieben Minuten. Dann kam die erste Sensation: In der zehnten Minute holte der Nürnberger Max Morlock ein Tor auf. Erste zarte Hoffnung keimte auf. Nach 18 Minuten hieß es 2:2 durch Helmut Rahn. 25.000 deutsche Schlachtenbummler spürten plötzlich den strömenden Regen nicht mehr - Millionen zu Hause griffen schneller nach Kaffee und Zigarette. In den Menschentrauben vor allen Fernsehläden in Deutschland begannen die ersten Bierflaschen zu kreisen - kaum jemand konnte sich damals schon im eigenen Wohnzimmer eine "Glotze" leisten.

Eine Stunde lang stand es remis: müder werdender ungarischer Zauber gegen sich immer mehr steigernde deutsche Sachlichkeit. Dann landete in der 84. Minute ein Schuß von Rahn mit dem linken Fuß von der Strafraumgrenze im Tor! 3:2 für Deutschland - die Weltsensation war perfekt! Kurz darauf erkannte der englische Schiedsrichter Ling ein Puskas-Tor wegen Abseitsstellung nicht an. Torwart Toni Turek rettete mit einer Glanzparade den Sieg - Deutschland war Fußball-Weltmeister! Auf den Straßen in Stadt und Land spielten sich Szenen ab, die für alle unvergeßlich bleiben. Unbekannte Leute fielen sich um den Hals, küßten sich, tanzten umher. Straßauf, straßab wurden die Fenster aufgerissen, man winkte mit Taschentüchern, Tischtüchern, Bettlaken, Klopapierrollen bildeten Girlanden.

Das ganze Land feierte

Innerhalb von Minuten nur waren alle Wirtschaften und Gasthäuser gefüllt, viele Leute konnten und wollten nicht mehr alleine sein, man mußte seine eigene Freude lautstark dem Mitmenschen ins Ohr brüllen. Bierhähne stießen neue Rekordmengen aus, Weinflaschen kreisten, Sektkorken knallten, das ganze Land feierte. Sogar im Ausland eckte es nur ganz wenig an, daß die Fans in ihrem Siegesrausch im Berner Stadion bei der Nationalhymne nicht das neue "Einigkeit und Recht und Freiheit", sondern das alte und verpönte "Deutschland, Deutschland über alles" mehr schrien als sangen. Der Empfang der deutschen Mannschaft in der Heimat setzte diesen Jubelsturm weiter fort. Über Singen am Hohentwiel nach München führte der Triumphzug, von dort in die einzelnen Heimatorte wieder ins Berliner Olympiastadion, wo Bundespräsident Theodor "Papa" Heuss gratulierte und Silberlorbeer überreichte.

Wahre Geschenkberge regneten auf Spieler und Begleitung nieder, von der Zigarrenkiste bis zum damals supermodernen Motorroller, von der Waschmaschine (auch noch eine Kostbarkeit damals) bis zum Ferienaufenthalt. Im Mittelpunkt all dieses Glanzes aber stand der "Chef" Sepp Herberger. In seinem Heimatort Hohensachsen an der Bergstraße wurde er Ehrenbürger, man taufte eine Straße auf seinen Namen. Leute, die ihn vorher noch "Stümper" genannt hatten, liebkosten plötzlich "sein Genie". Nicht nur das blamable 3:8 im Vorrundenspiel gegen die Ungarn hatte man Herberger vorgeworfen, im Mai 1954 war es fast zu einem Aufstand in Fußball-Deutschland gekommen. Der 1. FC Kaiserslautern hatte das deutsche Meisterschaftsendspiel in Hamburg sang- und klanglos mit 1:5 gegen das biedere Hannover 96 verloren. Und das nach einer 1:0-Führung! In der zweiten Halbzeit waren Fritz Walter und Kameraden förmlich an die Wand gespielt geworden.

Alle im Schatten des "alten Fritz"

Trotz dieses Debakels aber hielt Sepp Herberger für die unmittelbar folgende WM an seinem Kaiserslauterer "Stamm" fest: Unter den 22 WM-Teilnehmern waren fünf Spieler vom 1. FCK - und alle gehörten zum engsten Kern: Fritz Walter, dessen Bruder Otmar, Verteidiger Werner Kohlmeyer, der schlaksige Außenläufer Horst Eckel und der knorrige Stopper Werner Liebrich. Um Liebrich gab es noch ein Zwischenspiel: Beim 3:8 gegen Ungarn hatte er in der 61. Minute bei einem Zusammenprall mit Ferenc Puskas Ungarns Nationalheros so schwer am Fuß verletzt, daß dieser ausscheiden mußte. Auch gegen Brasilien in der Zwischen- und Uruguay in der Vorschlußrunde war Puskas nicht dabei, kam erst wieder zum Finale gegen Deutschland zum Einsatz.

Fast die gesamte Fußball-Welt warf Liebrich unfaires Spiel vor und verurteilte ihn. Hinterher behauptete man sogar nicht nur in Ungarn, diese "absichtliche" Verletzung von Puskas durch Liebrich sei der "wahre Grund" für das ungarische Debakel gewesen. Erst Jahre später söhnte man sich aus, gab zu, daß das Malheur nicht allein an Liebrichs Überhärte gelegen hatte. In Deutschland selbst störte das jedoch wenig. Der vorher nahezu unbekannte "Rotfuchs" vom Betzenberg, wie man Liebrich wegen seiner Haarfarbe nannte, wurde zu einem Star, obwohl er vor der WM in drei Jahren nur drei Länderspiele absolviert und vollkommen im Schatten des Hamburgers Jupp Posipal gestanden hatte. Liebling der Massen aber war Fritz Walter. Damals seit 14 Jahren Nationalspieler, war er im schon "hohen Fußball-Alter" am wirklichen Höhepunkt seiner glanzvollen Laufbahn gelangt. Der "Alte Fritz" wurde zu einem festen Begriff auch für den, der vorher kaum Fußball von Eishockey unterscheiden konnte. Dieter Stein, sid - Foto: dpa

Letzte Änderung: 09.06.1998 12:22 von jp
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